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Das Boßeln in Katharinenheerd
Da nicht jedem Besucher unserer Homepage der Boßelsport vertraut sein wird, sei eine kleine Boßelkunde dem Bericht über das Boßeln in unserem Dorf vorangestellt:
Das Boßeln: ein Kugelspielsport, das an der deutschen und der angrenzenden niederländischen Nordseeküste gespielt wird und vermutlich von einwandernden Holländern im 17./18. Jahrhundert nach Eiderstedt, das heute noch Hochburg des Boßelns ist, bzw. nach Nordfriesland gebracht wurde.
Die Boßel: eine mit mehreren Löchern versehene, mit Blei ausgegossene, 500g schwere Apfel- oder Pockholzkugel mit einem Durchmesser von 65mm. Für jüngere Spieler gibt es kleinere Kugeln.
Der Boßelwurf: mit einem längeren Anlauf und einer Drehung des Boßlers wird die Boßel nach vorn geschleudert.
Arten des Boßelns: das Feldboßeln (Mannschaftsspiel auf den Fennen, wird vor allem an der norddeutschen Westküste praktiziert), das Straßenboßeln (Mannschafts- oder Einzelkampf), das Preis- und Konkurrenzboßeln (Einzelstandkampf) und das Pokalboßeln (Mannschaftsstandkampf)
Wer boßelt? In früherer Zeit war es ein reiner Männersport (Mannsboßeln), seit Ende des Zweiten Weltkrieges boßeln auch Frauen (Fruunsboßeln)
Wann? Das ganze Jahr hindurch, vorwiegend jedoch im Winter, wenn die Gräben zugefroren sind und man querfeldein über die Fennen laufen kann.
Das Spiel: zwei gleich starke Mannschaften müssen die Boßel mit möglichst wenigen Würfen - die Boßler werfen abwechselnd - über eine festgelegte Bahn bringen. Das Spiel hat zwei Durchgänge. Gewonnen hat die Mannschaft, die mit ihren Würfen als erste die vorgegebene Strecke bewältigt, wobei die Wurfweiten der einzelnen Spieler zusammengezählt werden.
Über den Ablauf eines Boßelkampfes berichtet der langjährige 1.Vorsitzende und heutige Ehrenvorsitzende Dirk Johns:
“Beim Feldboßeln geht es für jede Mannschaft nach einer vorher festgelegten Rolle (Personenliste). Falls der aufgerufene Boßler nicht anwesend ist, muss ein Ersatzmann einspringen. Mit einer vorangetragenen Fahne wird die Bahn (Wurfstrecke) ausgewiesen. Das macht der Bahnanweiser. Der Rollenleser muß laufend nach jedem Wurf den folgenden Boßler aufrufen. Nach jedem Wurf steht der Stockleger bereit, der die Lage der Boßel mit einem Stock markiert. Der nächste Boßler darf beim Abwurf den Stock nicht übertreten, was beim Anlauf und sich einmal um die eigene Achse drehen passieren kann. Nach Beendigung des Kampfes wird von den Vorsitzenden der Vereine eine kleine Ansprache gehalten. Die Verlierer übergeben der Gewinnermannschaft die Feldboßel mit den Worten: “Wi kamt anner Johr woller un holn uns de Boßel wor!” Dann folgt der dreimalige Boßelgruß mit “Lüch op!”
Alte Gelände und Bahnen werden heute noch benutzt, so in Katharinenheerd die Strecke der zwischen Drescherhof und Rumpenhof ostwärts gelegenen Fennen Mit einer großen Mannschaft kann eine lange Strecke (bis Hochbohm, Kleihörn und zurück) durchgeboßelt werden, bei kleiner Rollenbesetzung geht es bis Hemminghörn.
Die älteren Boßler erinnern sich an lange, frostreiche Winter auf diesen Bahnen. In heutiger Zeit sind die Winter milder geworden, so dass die Boßler hiesige Fennen selten nutzen können und an die Deiche ausweichen.
Das auch die Windverhältnisse eine wesentliche Rolle für den Austragungsort spielen können, zeigt schon ein Boßelvertrag zwischen Oldenswort und Garding von 1886, wo es in Punkt 8 heißt: “Bei steilem Süd- und Westwind kommen (die Boßler) nach Katharinenheerd...” Auch heute noch wechselt man bei ungünstigen Winden auf andere Bahnen über.
Vereinsgründung: Sicherlich boßelte man in Katharinenheerd - wie in Eiderstedt überhaupt - schon sehr lange Zeit vor der Gründung von Vereinen um die Wette. Hier ist das Boßeln Sport geblieben, während es sich in anderen Regionen zu einem Leistungssport wandelte.
Nach Entstehung des “Verbandes Schleswig-Holsteinischer Eisboßler” 1894 bildeten sich an der Westküste bald viele Ortsvereine, so auch 1908 in Katharinenheerd, wo die Aktivitäten des Boßelvereins bis heute das Dorfleben in einzigartiger Weise mitgestalten und prägen.
1908 rief der Lehnsmann Boye Gertz die Männer von Katharinenheerd zusammen, um einen Boßelverein zu gründen. “Wegen zu geringer Beteiligung wurde die Versammlung vertagt und beim zweiten Anlauf waren dann 19 Mann gekommen, die alle Mitglieder wurden.” ,berichtet der Schriftführer. Ein Nachtrag des Vereinsprotokolls zeigt, dass sich noch im gleichen Jahr die Mitgliederzahl auf 41 erhöhte: Pastor Gehrkens, August Möller, Fritz Nebbe, Fritz Ketels, Gustav Elias, Wilhelm Matz, Peter Sass, Richard Alberts, Max Hansen, Boye Gertz jr., Hermann Stuck, G.Christian, Jens Röhe, Andreas Röhe, Thomas Röhe, Emil Jans, Julius Nissen, Emil Martens, Carl Christian, D.Marwig, Wilhelm Peters, B.Helm, Joh.Gröhn, Ludwig Petersen, Lehnsmann Gertz, Lehrer Sachau, Theodor Lorenz, B.Spreckelsen, Wilhelm Kühl, Hinrich Hansen, Emil Petersen, Jacob Sieverts, Max Martens, Carl Thoms, Hans Kempf, Willy Thums, Heinrich Peters, Jacob Alberts, Joh.Elias, Joh.Borrmann und Peter Burmeister.
Die Boßelversammlung beschloss, dem Verein den Namen “Boßelverein Martje Flohrs” zu geben. Es wurden folgende Statuten des Boßelvereins beraten und angenommen:
§1 Zweck des am 12.Januar 1908 gegründeten Vereins ist, den Gemeinsinn und die Teilnahme an dem uns von unseren Vorfahren überlieferten Boßeln anzuregen und zu heben.
§2 Der Verein wird geleitet durch den Vorstand, bestehend aus dem Vorsitzenden, dem Schriftführer, dem Kassierer, resp. deren Stellvertretern.
§3 Die Wahl der Vorstandsmitglieder geschieht durch Stimmenmehrheit auf die Dauer von zwei Jahren, turnusmäßig scheidet die Hälfte alljährlich aus. Der Kassierer hat auf der Generalversammlung alljährlich Rechnung abzulegen.
§4 Das Versammlungslokal wechselt jährlich zwischen Röhe und Hemminghörn. Auf Wunsch des Vorstandes, oder wenn ein Drittel der Mitglieder des Vereins es schriftlich beim Vorsitzenden beantragen, kann eine Extraversammlung stattfinden. Die Versammlungen werden per Zirkular oder Zeitung bekanntgegeben.
§5 Der Gang der Versammlung wird in einem Protokoll verzeichnet und genehmigt. Jeden ersten Sonntag im Monat Dezember, nachmittags 7 Uhr, findet im Versammlungslokal die Generalversammlung statt.
§6 Jeder Einwohner der Gemeinde Katharinenheerd kann Mitglied werden.
§7 Das Ausscheiden aus dem Verein wird angenommen, wenn ein Mitglied des Vereins seinen Verpflichtungen diesen Statuten gegenüber nicht nachkommt.
§8 Der Beitrag beträgt monatlich 10 Pfennig und wird halbjährlich durch den Kassierer eingesammelt.
§9 Der Vorstand ist ermächtigt, für unvorgesehene Ausgaben bis zu 10 Mark aus der Vereinskasse zu entnehmen.
§10 Sind in der Gemeinde Nichtmitglieder als gute Boßler bekannt, so kann der Vorstand dieselben bei einem Boßelkampf hinzuziehen und müssen Mitglieder sich eine Zurücksetzung gefallen lassen.
§11 Bei Festlichkeiten des Vereins sind Einführungen seitens der Mitglieder gegen Zahlung von 60 Pfennig Eintrittsgeld pro Person gestattet. Damen haben freien Zutritt.
§12 Bei einer Auflösung des Vereins, die von zwei Drittel der Anwesenden beschlossen werden kann, wird die Kasse unter den Mitgliedern verteilt.
Vorstehende Statuten wurden beraten und angenommen in der Versammlung am 12.Januar 1908.
J.Boye Gertz, Vorsitzender W.Matz, Kassierer G.Christian, Schriftführer
Der erste Vorstand:
Vorsitzender: Boye Gertz
Stellvertreter: August Möller
Schriftführer: Gustav Christian
Stellvertreter: Richard Alberts
Kassierer: Wilhelm Matz
Stellvertreter: Andreas Röhe
Während des ersten Weltkrieges wurde das Boßeln fast eingestellt. Die zum Kriegsdienst eingezogenen Boßelmitglieder aber vergaß der Verein nicht. Im Protokoll vom 14.11.1914 heißt es:”...sämtliche Anwesende der Versammlung erklären sich damit einverstanden, dass vom Verein aus an die im Feld stehenden Boßler zu Weihnachten Liebesgaben gesandt werden. Eine Sammlung ergibt hierfür im ganzen 62 Mark. Da 16 Empfänger in Frage kommen, entfällt auf jeden eine Gabe von 3 Mark fünfzig. Es sollen dafür Zigarren gesandt werden. Pastor Möller übernimmt die Absendung der Gaben.”
Nach Ende des Ersten Weltkrieges begann man, das Boßelspiel wieder zu beleben. 1919 hatte der Verein 48 Mitglieder zu verzeichnen. 1921 legte Boye Gertz sen. den Vorsitz nieder, an seine Stelle trat Boye Gertz jun. Als dieser 1925 verzog, übernahm Max Hansen den Vorsitz.
Das Jahr 1924 war ein besonderes in der Vereinsgeschichte. 9 Kämpfe wurden mit einer Mannschaftsstärke von 25 - 31 Boßlern ausgetragen, davon wurden fünf Kämpfe gewonnen und vier verloren.
1928 wurde Dirk Johns zum ersten Vorsitzenden gewählt. “Wi weern 20 Mann un harrn all schreckliche Lust to boßeln.” Bei klirrendem Frost ging es mit Pferd und Wagen in die Nachbardörfer. So manches Mal fiel einer der Aktiven im Eifer des Gefechtes schon mal rückwärts in den Graben. “Na`t Isbaden gung dat wieder oder gau na Huus.”
Dirk Johns leitete die Geschicke des Vereins 42 Jahre lang und hatte großen Anteil daran, das die Leistungen der Boßler im Dorf beachtlich anstiegen. Von alten Boßlern wird immer wieder ein Name erwähnt: “Hanne Witt” (Johannes Petersen). Er war bis 1956, als er Ehrenmitglied wurde, langjähriger Distriktsmann und Fahnenträger. “1923, bei einem Boßelkampf gegen Tetenbüll-Straße, war er Rollenleser und hatte ein Schild an seinem Zylinder mit der Aufschrift: “Wir müßen siegen oder sterben”. Auch erschien er oft mit seinem Bauchladen,” berichtet Dirk Johns, “um die Kämpfer mit heißen Würstchen zu stärken. Und zur Fastnachtszeit kamen immer viele Dorfbewohner, um bei ihm und seiner Frau Greta das Heißeweckendrehen mitzumachen.
Die alle Bereiche durchdringende Herrschaft des Nationalsozialismus hatte im Katharinenheerder Boßelverein zur Folge, dass der Unterverband Eiderstedt Dirk Johns, der kein Parteimitglied war, 1934 schriftlich aufforderte, sein Amt niederzulegen. Er erinnert sich: “Wilhelm Gertz wurde `Führer`, so hieß das unter Hitler. Ich bin dann sein Stellvertreter geworden. Die Arbeit für den Verein habe ich aber wie früher weitergemacht, da waren Willem und ich uns einig. Wir machten da keine Politik. Und dann, wer kein Nazi war, versuchte in die Feuerwehr zu kommen, bei der entstand eine enorme Aktivität.” 1936 wurde Dirk Johns jedoch erneut der Vorsitz gegeben, das Protokoll bezeichnet ihn als “Vereinsleiter”.
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